Duocarns - Fantasy Buchserie

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Duocarns

Donnerstag, 5. Mai 2016

Die gute, alte Zeit ...

Heute geht es ausnahmsweise nicht um Bücher, sondern um etwas, das mir schon seit einiger Zeit auf dem Herzen liegt.

Die gute, alte Zeit .... Gab es so ein Deutschland wirklich nicht?

Die Frage, die mich in der letzten Zeit beschäftigt ist, wieso bei vielen, die sich das Programm der AfD ansehen, Sätze kommen wie: »Diese Partei will uns zurückführen in ein Deutschland von 1970, das es so nie gab.«
Ich bin sicher kein Fan der AfD, aber versuche, deren Bemühungen und auch deren Parteiprogramm unvoreingenommen zu betrachten. In einigen Punkten wie z.B. der Ablehnung der Homoehe stimme ich ihnen nicht zu. Aber muss ich sie deshalb als braune Brut verunglimpfen?

Was ich euch nun erzähle, schildere ich aus der Sicht einer einfachen Hausfrau, Mutter, Arbeitnehmerin und auch Selbständigen. Ich habe weder Politik noch Wirtschaft studiert, glaube aber, dass viele meinen Schlussfolgerungen zustimmen werden.

Ich bin 1955 geboren. Damals hatten die normalen Familien keinen Fernseher und nur die gut gestellten besaßen ein Auto. Ich erinnere mich, dass ein Ford der ganze Stolz meines Vaters war und man den VW Käfer liebte, der die Straßen bevölkerte.
Der Krieg war vorbei, jedoch nicht in den Köpfen der Menschen. Viele Alte erzählten von der Hungersnot und den Bunkern und Bomben. Ich konnte mir als Kind selbst ein Bild davon machen, denn in unserer Straße in Mainz waren noch etliche zerbombte Häuser, in denen wir wohl nicht spielen durften, es aber dennoch taten.

Die Menschen liebten ihren Ludwig Ehrhard mit der dicken Zigarre und waren in Aufbaustimmung. Wer konnte, der fuhr mit dem Auto nach Italien in Urlaub. Die Deutschen hörten sehnsuchtsvolle Lieder wie »Weiße Rosen aus Athen« oder Witziges wie »Drei kleine Italiener.«
Informationen bekam man damals aus dem Radio, der Zeitung und, ganz wichtig, abends, wenn man mit den Nachbarn vor den Haustüren saß.

Wir wohnten von 1955 bis 1961 in Mülheim/Ruhr. Dort war es noch Sitte, draußen zu sitzen. Nachrichten verbreiteten sich sehr schnell durch alle Straßenzüge. Jeder kannte jeden, sogar in den Städten.
Zum Fernsehgucken ging man in die nächste Kneipe, denn die Kneipenwirte hatten oft als Erste so ein Gerät. 1959 kam dann auch eins zu uns nach Hause. Mein Vater war total stolz. Es gab wohl nur ein Programm, aber die flimmernden Schwarz-Weiß Bilder wurde gierig aufgenommen. Das Kinderprogramm bekamen wir Kinder sorgfältig ausgesucht. Es war ein Erlebnis TV gucken zu dürfen. Tatorte fegten ganze Städte leer und die Fernsehsendungen wurden heiß diskutiert. (Erinnert euch an Anrüchiges wie Tutti-Frutti *grins*)

Sämtliche Feste wurden noch wirklich festlich begangen. Man hatte nicht viel Geld für große Geschenke. Also strickte und bastelte man bereits monatelang vor Weihnachten. Man freute sich über schön gemachte Holzkästchen oder selbstgestrickte Socken, liebte es gemeinsam Plätzchen zu backen.

Wir litten nicht, weil es nur an Sonntagen Fleisch auf dem Teller gab. Sonntag gab es den Kirchgang, gute Kleider wurden angezogen, prima gegessen. Werbung war im TV verboten. (Das übrigens meist um 12 Uhr nachts mit der Nationalhymne endete.)
An den Werktagen kochten die Frauen Dinge wie Milchreis als Hauptmahlzeit, es gab Hering mit Pellkartoffeln, Kartoffelpüree mit Spiegelei und andere einfache Gerichte.

Auch stanken wir nicht, weil nur samstags gebadet wurde. Man wusch sich jeden Tag, das war normal. Duschen gab es keine in den Häusern. An Elektrizität wurde gespart. Mädchen lernten in der Schule stricken, häkeln und nähen, Jungen werken. Sportunterricht wurde großgeschrieben und gefördert.
Ich war als Kind freiwillig im Schwimmverein und im Sportverein und bemühte mich, dort Leistung zu bringen. Denn da waren meine Freunde, und die Eltern sahen die ganzen Urkunden gerne.

Was übrigens auch selbstverständlich war, war die einhellige Meinung, dass Mütter zu ihren Kindern gehörten und möglichst nicht in die Fabrik. Die Frauen erzogen die Kinder und fanden das völlig normal. Wenn eine Frau  arbeiten gehen musste, weil das Geld nicht reichte, wurde getuschelt. Man schrieb das dem Mann zu, der nicht genügend Leistung brachte.

Foto von 1964


Wir zogen nach Mainz. Dort, in einem 7-stöckigen Mietshaus, war es anonymer.
Ich ging ins Gymnasium. Es war ein reines Mädchen-Gymnasium, was damals nicht als diskriminierend o.ä. gesehen wurde. Es war eine »Höhere Töchter-Schule«. Die Jungenschule, das Rabanus-Maurus-Gymnasium, war eine Ecke weiter. Dort startete man nicht mit Englisch, sondern mit Griechisch. Die Jungs wurden beäugt und bekichert.

Es gab inzwischen 3 Fernsehprogramme und etliche amerikanische Erfindungen schwappten nach Deutschland. Es gab keine Honig-Leckmuscheln mehr beim Bäcker, und man konnte auch keine einzelnen Bonbons mehr für einen Pfennig kaufen. Die Preise stiegen ununterbrochen.
Ich erinnere mich, dass Nyltest-Hemden als große Neuerung gefeiert wurden. Juhu! Die waren bügelfrei. Sie wurden aber nur gefeiert, bis man merkte, dass die Männer darin stanken wie die Büffel. Die Hausfrauen kehrten zu den Baumwollhemden zurück. Plötzlich gab es Fertiggerichte in Dosen, die den Hausfrauen das Kochen erleichtern sollten. Majoran und Thymian wurden zugunsten von fertigen Gewürzmischungen mit diffusem Inhalt aus den Küchen verdrängt.
Erst nach und nach wurden die zerbombten Häuser in meiner Straße wieder aufgebaut.

Ich war als Kind viel in meiner Stadt unterwegs. Wenn Schule und Sport mich nicht vereinnahmten, besuchte ich zu Fuß oder mit dem Fahrrad Freundinnen. Zu Hause musste ich sein, wenn es dunkel wurde. Es waren natürlich auch damals schon Sittenstrolche unterwegs, nur wurde von ihnen nicht so viel Aufhebens gemacht. Erwischte man sie, sperrte man sie ein und fertig. Familiäre Desaster wie Kindesmissbrauch regelte man in der Familie und nicht in der Öffentlichkeit.

Zurück zu mir. Eines Tages kam ich in Mainz an einem Haus vorbei. »Haus der Jugend« stand darüber. Ich war 10 Jahre alt. Da ich nie auf den Mund gefallen war, ging ich hinein und fragte, was es damit auf sich hatte. Es war schlichtweg genial: Es gab Werkstätten und Kurse für einen minimalen Beitrag pro Monat. Man unterrichtete in Töpferei, Bildhauerei, Nähen, Emaillieren, Körbeflechten uvm. Man konnte bei einem bekannten Mainzer Künstler zeichnen lernen, Spiele ausleihen, sich auf der großen Bühne dort als Schauspieler betätigen, es gab eine Kids-Disco uvm.
Kinder, die im Haus der Jugend waren, hingen nicht auf der Straße herum. Sie waren in ihrer Freizeit völlig ausgelastet. Natürlich schleppte ich weiterhin riesige Büchermengen durch die Gegend, da ich in der Stadtbücherei Mitglied war und alles verschlang, was mir in die Finger kam.

Foto von 1962

Ein Telefon war ein stationäres Gerät und hatte eine Strippe. Wer außerhalb telefonieren musste, benutzte eine Telefonzelle.

Und was will ich sagen? Es ging uns gut. Wir waren wohl nicht ständig und überall erreichbar. Es gab nicht das Überangebot an Information, das man erst einmal sortieren musste. Kinder grüßten die Erwachsenen und zeigten Respekt. Nein, als Kind war das damals zeitweise nicht schön, denn Eltern waren noch der Meinung, dass sie mit Ohrfeigen und Schlägen auf den Po ihre Erziehungsmaßnahmen durchsetzen mussten. Auch Lehrer schlugen gelegentlich mit Rohrstöcken auf Kinderfinger, ohne angezeigt zu werden. Nichtsdestotrotz, was uns auf diese Art eingebläut wurde, saß.

Ich erinnere mich an einen Vorfall, den mir mein Mann erzählte. In Kruft gab es einen Lehrer, der zu viel schlug und dabei einmal einen Jungen verletzte. Einen Tag später war der Vater des Kindes in der Schule, nahm den Lehrer am Kragen und ohrfeigte ihn. Mein Mann erzählte, dass sie nach einer Weile gingen, denn es war langweilig geworden zuzusehen, wie der Lehrer gemaßregelt wurde, da die Ohrfeigen lange hagelten. Danach war besagter Lehrer einige Tage krank und kam dann in den Unterricht zurück, schlug aber keine Kinder mehr.

Kinder, die in den Gärten der Nachbarn Äpfel stahlen und sich dabei erwischen ließen, wurde der Hosenboden stramm gezogen. Niemand wäre jemals auf die Idee gekommen für so etwas die Polizei zu bemühen oder die Gerichte.
Tja, und was lernten wir in der Schule? Aufklärung gab es unter der Hand oder, so wie bei mir, durch meine Mutter, die dabei fast in den Boden versank.
Hitler und der Nationalsozialismus wurden möglichst totgeschwiegen. In Geschichte lernten wir, dass es ein riesiges Glück gewesen war, dass man die Türkeninvasion 1683 gestoppt hatte, denn sonst wären die Ungläubigen und Heiden in unser schönes Deutschland eingefallen. Nicht vorzustellen.
Meine Mutter war wohl, wie so viele, während des Krieges aus der Tschechei gekommen, aber war so wie all die Schlesier völlig akzeptiert. Sie war streng katholisch erzogen worden. Heiden wollte man keine in Deutschland. Als Kinder sammelten wir Silberpapier für die armen Negerkinder. Der einzige Farbige, den wir kannten, war das nickende Negerlein, das mit der Weihnachtskrippe aufgebaut wurde und den Sarottimohr.

Was ich mit meiner Erzählung sagen will. Es war eine heile Welt damals für mich als Kind. Wir besaßen keinen Luxus, duschten nicht jeden Tag, fraßen keine Unmengen Fleisch, waren nicht digitalisiert, die meisten Mütter konnten bei ihren Kindern bleiben und waren nicht gezwungen arbeiten zu gehen, weil das Geld nicht reichte.

 Das Wort »Umwelt« gab es schlichtweg nicht. Mein Vater kippe E605 fröhlich als neuste Errungenschaft in den Garten. Das Bewusstsein, dass das ständige Wirtschaftswachstum für unseren Planeten schädlich ist, musste erst wachsen, ist aber trotzdem auch 2016 leider nicht in allen Köpfen angekommen.

Wir hatten eine starke DM, auf die Deutschland verdammt stolz war. Die Mauer fiel. Anfangs war es gewöhnungsbedürftig mal jemanden in Bonn sächsisch sprechen zu hören. Aber da kamen Deutsche mit der gleichen Mentalität, die trotz der immensen Kosten, das Land letztendlich stärker gemacht haben.
Deutschland besaß eine Grenze, einen Grenzschutz. Man fühlte sich als Deutscher beschützt und geborgen.


2001 der Knick. Firmenpleiten, das Geld der Menschen wurde halbiert. Zumindest nach ihrem Gefühl. Vereintes Europa. Wollten wir das wirklich? Wir hatten uns gerade an die türkischen Stadtviertel in Köln und an die Pizzeria an der Ecke gewöhnt. Brauchten wir Rumänen, Bulgaren und Kroaten im Land? Müssen wir nun wirklich mit unserer Arbeitskraft für die Misswirtschaft vieler anderer EU-Länder den Hals hinhalten? Ist es wirklich so, dass wir in den nächsten Jahrhunderten für unser schlechtes Hitler-Gewissen in aller Welt bezahlen müssen? Nur mal zur Erinnerung. Ich bin 1955, 7 Jahre nach Kriegsende, geboren.

Wie einsam sind wir geworden mit unseren Smartphones. Die Gesellschaft krankt daran, dass die Menschen nicht mehr miteinander sprechen. Die Kinder sind von den Straßen verschwunden. Sie sitzen zu Hause vor ihren Computern. Oft sich selbst überlassen, da die Eltern arbeiten sind. Die Feste sind Konsumfeste geworden. Der Zusammenhalt, der nach dem Krieg deutlich spürbar war, ist verschwunden. Jeder denkt nur an sich und an das eigene Portemonnaie.

Angst ist das vorherrschende Gefühl: Angst vor dem Verlust des Arbeitsplatzes, Angst, den Kindern könnte etwas zustoßen, Angst, weil in fast jeder Ecke der Welt Krieg, Folter und Ungerechtigkeit herrschen, Angst vor der Zukunft. Angst vor der Unfähigkeit der Politiker, denen man aufgrund der Medien quasi minütlich ihr volksverachtendes, lobbyistisches Verhalten nachweisen kann. Ja, es war einfacher das Volk zu bescheißen, als es nur die Zeitungen und drei Fernsehprogramme gab.

Ich selbst musste mich zwischen Beruf, Haushalt und drei Kindern zerreißen, weil wir es sonst nicht geschafft hätten. Nun habe ich einen Rentenanspruch von 292 Euro.


Und nun die Frage. Ist es wirklich so unverständlich, dass einige zurück wollen nach 1970 oder 1980? Zurück in die Zeit der starken D-Mark?
Ist es wirklich schlimm, was die AfD da fordert? Ich glaube nicht, dass sie die Frauen degradieren wollen, indem sie sie an den Herd zurückholen. Sie wollen ihnen den Luxus ermöglichen wieder möglichst lange für ihre Kinder dazusein. Brauchen wir nicht dringend eine Förderung der einfachen Familien? Manch junge Familie arbeitet rund um die Uhr und kann sich keine zwei Kinder leisten.
Ist es wirklich so unverständlich, dass sie die sonntäglichen Kirchenglocken nicht durch Muezzinrufe übertönt haben wollen?

Das wollte ich euch mal zum Nachdenken geben.

Eure Pat McCraw

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